Zwei ganz unterschiedliche Filmvorführungen in Linz von „Die Heide ruft“

Filmvorführung im Ursulinenhof in Linz

Zunächst zur Filmvorführung „Die Heide ruft: Sexualbegleitung für Menschen mit Beeinträchtigungen“ im Rahmen des Kongresses „Enthinderte Sexualität“ am 9. April 2008 in Linz. Es waren ca. 100-150 Leute im Ursulinenhof, wir (Danilo und Mirjam) haben uns im Anschluss an den Film für eine Diskussion zur Verfügung gestellt, die Moderation hatte Klaus Buttinger (OÖ Nachrichten) übernommen.

Die Diskussionsbeiträge im Anschluss an unseren Film waren teilweise sehr emotionsgeladen. Wir empfanden die Diskussion als insgesamt eher destruktiv und die geäußerte Kritik zum größten Teil unangebracht. Unangebracht insofern, als dass sich die Kritik eher auf den ganzen Kongresstag bezog und nicht explizit auf unseren Film. In einem anderen Bericht über den Kongress schreibt Priska Feichtenschlager, dass „in der Diskussion danach […] die Wogen hoch [gingen]“. Ihre Einschätzung, dass in der Diskussion ein Konsens zum Themenfeld der Sexualbegleitung hergestellt wurde teilen wir nicht.

Kritik wurde von einer handvoll Menschen geäußert, dies vor allem von Menschen mit Beeinträchtigung. So wurde allgemein am Kongress bemängelt, dass der Kongress einen Themenschwerpunkt auf Sexualbegleitung gesetzt hätte. Dagegen seien z. B. Partner_innenschaften, das Ermöglichen von Kennen lernen von anderen Menschen, das Schaffen eines Rahmens, in dem Sexualität ausgelebt werden kann, etc. wesentlich wichtigere Themen.

Es gab aber auch einige Beiträge, die sich direkt auf unseren Film bezogen. Fünf für uns wesentliche Kritikpunkte waren:

1. Menschen mit Lernschwierigkeiten würden in unserem Film vorgeführt

Wir fühlen uns den disability studies nah und haben versucht, die Perspektive der drei Menschen mit Beeinträchtigung darzustellen, unter anderem, indem sie möglichst viel selbst zu Wort kommen, auf erklärenden Kommentare verzichtet wird, etc. Wir sehen nicht, an welchen Stellen wir jemanden vorführen. Konkrete Angaben wären hilfreich gewesen.

2. Die Menschen mit Lernschwierigkeiten würden nicht selbstbestimmt handeln

Wir können diesen Kritikpunkt nicht nachvollziehen. Indem die drei Protagonisten sich auf den Weg von Eschwege nach Trebel machen und an diesem Erotikworkshopwochenende teilnehmen, handeln sie unseres Erachtens äußerst selbstbestimmt. Sie kennen Alternativen, sie haben sich jedoch entschieden für dieses Wochenende ihre Sexualität in Trebel auszuleben, oder eben dort nicht auszuleben.

3. Die Perspektive auf Frauen von Frauen mit Beeinträchtigung fehle

Die Problematik der Abwesenheit von Frauen wird im Film thematisiert. Wir selbst hatten ursprünglich geplant, den Film mit Frauen mit Lernschwierigkeiten zu drehen. Wir haben leider keine gefunden. Es gibt zwar Frauen, die Sexualbegleitung in Anspruch nehmen, diese sind aber rar. Generell sind wir sehr an der Auseinanderersetzung mit Frauen und Beeinträchtigung interessiert. Wir werden dieses Thema demnächst hier noch aufgreifen.

4. Stereotype Darstellung von Menschen mit Beeinträchtigung

Für uns wäre es hilfreich gewesen, wenn wir konkrete Beispiele für diesen Vorwurf bekommen hätten. Wir haben die Menschen so dargestellt, wie sie sich uns gezeigt haben.

5. Kritik an zu einseitiger (befürwortender) Darstellung von Sexualbegleitung

Wir stellen Sexualbegleitung als eine Möglichkeit dar Sexualität auszuleben. Im Film wird an mehreren Stellen darauf hingewiesen, dass Sexualbegleitung eine desintegrative Wirkung haben kann (Sascha Schädel, Matthias Vernaldi). „Ziel muss eigentlich Inklusion sein“ (Schädel), was auch unsere Meinung widerspiegelt.

Dass der Film trotz der dominanten Kritiker_innen während der Diskussion insgesamt sehr gut angekommen ist und auf ein großes Interesse gestoßen ist, haben wir erst am nächsten Tag erfahren. Es sind viele zu unserem DVD-Stand gekommen und haben die DVD erstanden, viele haben uns zu unserem Film beglückwünscht und uns versichert, wie gut ihnen der Film gefallen hat. Schade, dass sie dies nicht an dem Vorabend bei der Vorführung eingebracht haben.

Aufgrund der Kritik an Sexualbegleitung haben wir uns entschlossen, in unserem Weblog das Thema „Streitpunkt Sexualbegleitung“ und das Thema „Frauen und Beeinträchtigung“ aufzunehmen und in einem der nächsten Beiträge zur Diskussion zu stellen.

Filmvorführung im Moviemento, Linz

Die ca. 60 Gäste waren überwiegend Schüler_innen und Lehrende einer Heilerziehungspflegeschule in Österreich. Die Moderation übernahm Hans Tausch

Diese Vorstellung von „Die Heide ruft“ verlief ganz anders. Erst einmal muss hier erwähnt werden, dass die beiden Filmvorführer des Kinos Moviemento es geschafft haben, den Film so wahnsinnig unscharf zu zeigen, dass es eine Zumutung war. Auf Nachfrage und der Bitte um eine schärfere Einstellung wurde leider nicht nachgekommen („Der Film ist so unscharf“ wurde argumentiert, was leider nicht zutreffend war, das gleiche Band lief im Berliner Kino Arsenal gestochen scharf…). Das war sehr ärgerlich und wir möchten uns an dieser Stelle nochmals dafür entschuldigen. Die Zuschauer_innen haben es allerdings erstaunlich gelassen hingenommen. Danke.

Das Publikum war sehr interessiert an dem Thema und der Film äußerst wohlwollend aufgenommen, es wurden in der Diskussion nach der Vorführung sehr viele Fragen zum Inhalt aber auch zur Produktion gestellt.

Besonders angetan waren wir, als uns von einem Besucher des Kinos 10,- Euro angeboten worden waren, ohne dass er eine DVD dafür haben wollte, weil er die Idee den Film unter Verwendung einer freien creative commons Lizenz zur Verfügung zu stellen so gut und unterstützenswert fand. J Einen Film haben wir ihm aber trotzdem noch in die Hand gedrückt.

Anschließend an die Diskussion sind wir mit einem Großteil noch in ein Restaurant eingekehrt und haben noch einige weitere Fragen klären können. Danke noch mal für die Übernahme der Getränkekosten!

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