Im Hungerstreik gegen Grünenthal

Oktober 10, 2008

Nicht nur durch den aktuellen Kinofilm „NoBody’s Perfect“ wird Grünenthal aufgefordert sich der Verantwortung gegenüber den Menschen zu stellen, die durch das Medikament Contergan geschädigt wurden. Seit dem 18.09.2008 befinden sich Helga und Stephan Nuding und Gihan Higasi im Hungerstreik. Eine Übersicht über Reaktionen in der Presse und ein Tagebuch findet sich auf der Homepage der Hungerstreikenden.

Sie fordern durch ihren Protest:

Diese Verhandlungen sind mit dem Ziel der kurzfristigen und rechtsverbindlichen Umsetzung des anhängenden Forderungskataloges zu führen.

Vorsorglich weisen wir darauf hin, dass wir uns nicht auf irgendwelche Verzögerungstaktiken, unverbindlichen Versprechungen oder fadenscheinige Zusagen einlassen werden! Die Überlebenden des, durch die Firma Grünenthal verursachten, Contergan-Skandals, haben über vier Jahrzehnte auf eine Entschädigung gewartet und gehofft. Niemand kann uns Ungeduld oder die Forderungen von Leistungen vorwerfen, die nicht unseren Schmerzen und unserem Leid entsprechen würden.

Sofortige Aufnahme von offiziellen Verhandlungen zwischen der Geschäftsleitung der Firma Grünenthal GmbH (Stollberg), der Bundesministerin für Jugend, Familie und Soziales, des Bundesminister für Finanzen und Vertretern der Internationalen Contergan Thalidomid Allianz, die von uns benannt werden. (Quelle: Contergan Hungerstreik)

Die Streikenden bitten um Unterstützung durch:

  • Das Verteilen und Verbreiten eines Plakates.
  • Die Aufforderung Politiker_innen auf die Forderungen der Streikenden hinzuweisen und sie in die Verantwortung zu nehmen.
  • Unterzeichnung der Solidaritätserklärung per E-Mail: solidaritaet@conterganhungerstreik.de.
  • Ein Protestschreiben an die Firma Grünenthal und die Familie Wirtz.

Das Disgenderbility-Team erklärt sich mit den Hungerstreikenden solidarisch und fordert Grünenthal auf, sich endlich ihrer Verantwortung zu stellen. Wir werden außerdem unsere bereits angekündigte Konsumverweigerung aller Produkte aus den verschiedenen Häusern an denen die Familie Wirtz beteiligt ist aufrecht erhalten und um eine weitere Forderung ergänzen:

Wir haben für uns beschlossen, solange die Entschuldigung des Konzerns ausbleibt und Nico von Glasow keine Möglichkeit zu einem Gespräch angeboten wird und die Forderungen der Hungerstreikenden Helga und Stephan Nuding und Gihan Higasi erfüllt sind, auf den Konsum sämtlicher Produkte der zur Familie Wirtz gehörenden Firmen (wie z.B. Dalli-Werke, Meurer und Wirtz) zu verzichten.

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Sexualbgleitung als Thema bei 3sat – zwei Interviews zum Thema Sexualität und Behinderung

September 22, 2008
Sexualität ist prima von depone (flickr)

Sexualität ist prima von depone (flickr)

Am 08.03.2008 wurden zwei längere Beiträge der 3sat Sendung Vivo zur Nutzung online gestellt.

Eingebettet von einem einführenden Text „Die Tabubrecherin: Sexualassistentin Nina de Vries hilft Behinderten ihre Sexualität auszuleben“ finden sich zwei längere Videointerviews zum Thema „Behinderte und Sexualität – ein Tabuthema“.

Besonders freuen wir uns, dass in Kristina Engel sich über ihre Erfahrungen mit Sexualbegleitung und vor allem über ihre Erfahrungen zur Wahrnehmung als Frau äußert. Kristina Engel zeigt unter anderem auf, dass Sexualbegleitung bei ihr zur Entwicklung ihres Selbstwertgefühls und Selbstbewusstseins beitrug.

Unser Urteil: Sehenswert 🙂


Nackt gegen Grünenthal – NoBody’s Perfect

September 10, 2008

Wir haben ja bereits über den am 11.09.2008 ins deutsche Kino kommenden Dokumentarfilm „NoBody’s Perfectberichtet. Das Disgenderbility-Team ergriff bereits am 07.09. die Möglichkeit eine Vorstellung des Films zu besuchen, bei der einige Darsteller_innen (Fred Dove, Doris Pakendorf, Sigrid Kwella, Theo Zavelberg) und der Regisseur Niko von Glasow anwesend waren.

Niko von Glasow in der Diskussion

Niko von Glasow in der Diskussion

Der Film begleitet Niko von Glasow bei der Konzeption und Umsetzung seines Projektes 11 Contergan-Geschädigte für einen Aktkalender zu gewinnen. Wir waren vom humorvollen und persönlichen Umgang mit dem Thema „Beeinträchtigung“ begeistert. Und fühlten uns darüber hinaus die ganze Zeit gut unterhalten. Doch das Anliegen dieses Films ist mehr als eine Unterhaltungsshow und auch keine Doku zum Thema „Deutschland sucht den Superconti“, so Niko von Glasow. Die Dokumentation bietet eine vielschichtige Auseinandersetzung des Filmemachers mit seiner eigenen Beeinträchtigung. In einem Interview des Kölner Stadt-Anzeigers

VON GLASOW: Ich habe weniger Angst vor anderen Conterganmenschen, die ich früher immer gemieden habe, weil sie zu sehr ein Spiegel meines eigenen Schicksals sind. Meine Behinderung ist mir selbst bewusster geworden. Das ist andererseits auch anstrengend. Denn die Seele verdrängt manche Dinge ja nicht umsonst. Ich glaube aber, dass ich ein fröhlicherer Mensch geworden bin.

Theo Zavelberg und Niko von Glasow

Theo Zavelberg und Niko von Glasow

Die Nähe und Vertrautheit zwischen den 11 Darsteller_innen und Niko von Glasow ermöglichen Raum für schwarzen Humor und anderen Fragen, wie nach dem Wunsch nach Selbstmord, dem Körperteil was einen am meisten beschäftigt oder der Größe des Penis.

Neben der Auseinandersetzung mit der eigenen Körperlichkeit, zielt der Film auf eine Gesellschaft, die Behinderungen ausgrenzt und anstarrt. Niko von Glasow verspricht sich durch den Film und die Ausstellung der Bilder, die im Rahmen der Dokumentation entstanden sind, eine Normalisierung des Blicks auf beeinträchtigte Körper. Durch die Thematisierung und fotografische Inszenierung von Nacktheit, Körperlichkeit und Sexualität gelingt es, bei den Zuschauer_innen eine kleine Perspektivverschiebung zu erreichen.

fred dove und doris pakendorf

fred dove und doris pakendorf

Auf einer dritten Ebene dokumentiert der Film den Umgang der Firma Grünenthal, als Hersteller des Mittels Contergan, mit seiner eigenen Geschichte. Niko von Glasow sucht im Film das Gespräch mit Vertreter_innen der Firma und der Familie Wirtz, die im übrigen zu den Superreichen dieses Landes zählen. Auch wenn auf den Internetseite des Konzerns Imagekampagnen gepflegt werden und Selbstdarstellungen des Konzerns schön verpackt zu finden sind, bleibt unserer Meinung nach, eine angemessene Entschädigung der durch Contergan Geschädigten durch Grünenthal bisher aus. Auch 40 Jahre nach dem Contergan-Skandal fehlt eine Entschuldigung der Konzernführung.

Für den Regisseur und die Darsteller_innen des Films geht es neben einer angemessenen finanziellen Entschädigung auch um die Sühne der Firma Grünenthal. In einem Interview für aspekte bringt Niko von Glasow dieses Anliegen auf den Punkt:

Entschädigungszahlungen von Grünenthal, die in eine Stiftung gingen, sind seit über 20 Jahren aufgebraucht. Für Niko von Glasow ist die Familie Wirts auf ihre Art auch Contergan-geschädigt: „“Wer soviel Böses tut, wird dafür büßen. Und das meine ich gar nicht so pathetisch, wie es sich anhört. Das ist so. Das hat psychosomatische Folgen. Und ich bin sicher: Solange die keine Sühne tun, wird’s denen beschissen gehen. Die tun mir wirklich leid.“

Für uns bleibt die Frage, warum sich in der Firma, aber auch besonders in der Unternehmer_innenfamilie Wirtz niemand einem Gespräch mit Nico von Glasow stellt, obwohl auf der Homepage Grünenthals folgende Aussage von Sebastian Wirtz zu finden ist:

Auch wenn ich zu dem damaligen Zeitpunkt noch nicht geboren war, möchte ich jetzt als Familienmitglied der dritten Generation versuchen, gemeinsam mit den Betroffenen die Contergan-Tragödie aufzuarbeiten.“

Wir haben für uns beschlossen, solange die Entschuldigung des Konzerns ausbleibt und Nico von Glasow keine Möglichkeit zu einem Gespräch angeboten wird, auf den Konsum sämtlicher Produkte der zur Familie Wirtz gehörenden Firmen (wie z.B. Dalli-Werke, Meurer und Wirtz) zu verzichten.


Herzlichen Glückwunsch Mensch Zuerst-Netzwerk People First Deutschland!

Juni 19, 2008

Bild zur Umfrage von Mensch zuerst

Mittlerweile haben sich schon 1000 Menschen gefunden, die die Aktion von Mensch Zuerst: Weg mit dem Begriff „geistige Behinderung“ im Internet auf der Hompage von Mensch zuerst – Netzwerk People First Deutschland e.V. unterstützen. Wir wünschen euch viele weitere Unterstützer_innen!

Hier könnt ihr euch auf die Liste eintragen.


„Autistisch zu sein ist keine Krankheit“ : am 18. Juni 2008 Autistic Pride Day : „Respekt statt Mitleid“

Juni 16, 2008

In einer Presseerklärung von Autismus Kultur verweisen die Aktivist_innen auf den Autistic Pride Day mit dem Motto „Respekt statt Mitleid“. Sie verorten sich in den Disability Studies und lehnen eine pathologisierende und medizinische Sichtweise auf Autist_innen ab. Collin Müller schreibt:

„Autistisch zu sein ist keine Krankheit und kein Grund, sich zu schämen. Autistische Aktivisten wenden sich gegen Versuche, Autismus zu „heilen“.

Hier einige Informationen zum Autistic Pride vom Weblogeintrag:

Anlässlich des Autistic Pride Days fordern Autist_innen gleiche Rechte und gleiche Chancen wie andere Menschen. Autist_innen leiden nicht unter Autismus, sondern unter gesellschaftlichen und kulturellen Barrieren und Diskriminierungen. Diese bestehen oft auch darin, dass Autist_innen nicht ernst genommen werden. Geht es beispielsweise um die Angelegenheiten und Wünsche (mitunter erwachsener) Autist_innen, werden diese in der Regel nicht selbst gefragt, sondern Eltern, Ärzt_innen und Therapeut_innen. Sie prägen auch das Bild und die öffentliche Meinung, indem sie in den Medien über Autist_innen als bemitleidenswerte Kranke und über Autismus als Tragödie erzählen – statt Autist_innen selbst zu Wort kommen zu lassen, sie zu unterstützen, und die Akzeptanz der Vielfalt in unserer Gesellschaft zu fordern und zu fördern. Besonders der Elternverband Autismus Deutschland beansprucht für sich, für alle autistischen Menschen in Deutschland zu sprechen und Ansprechpartner in allen Autismus-Belangen gegenüber Medien und Politik zu sein. Diese Erfahrungen waren ausschlaggebend für das diesjährige Motto Respekt statt Mitleid.

Der Autistic Pride ist ein politischer Aktionstag und diesen Charakter soll er auch behalten. Leider ging der Trend der Aktivitäten am Autistic Pride Day in den letzten Jahren stark in Richtung geselliges Zusammensein ohne jegliche Inhalte. Wenn ihr nur zusammen Fußball gucken und Bier trinken wollt, dann tut das, aber nennt es nicht Autistic Pride.

Wir denken, dass ist eine gute Gelegenheit sich mit dem eigenen Verhältnis und den eigenen Vorurteilen zu Autismus auseinander zu setzen. Wir vom disgenderbility-Team werden diesen Tag auf jeden Fall für eine intensive Auseinandersetzung mit unserer Sicht auf das Thema Autismus nutzen.

Eine erste einfache Möglichkeit zum Einstieg bietet das Video „In My Language“ von Amanda Baggs:

Vielfältige und abwechslungsreiche Informationen zur Auseinandersetzung mit Autismus bietet die Internetseite Autismus Kultur. Danke an Collin Müller für den Hinweis auf diesen Tag und den tollen Weblog.


Petition gegen Diskriminierung

Mai 23, 2008

Banner der Initiative ganz europa gegen diskriminierung

Eine Inititiative fordert in einer Petition eine Erweiterung der rechtlichen Bestimmungen zum Schutz gegen Diskriminierung in Europa. Die Petition, richtet sich direkt an Angela Merkel die sich bisher nicht ausreichend für Antidiskriminierungspolitik eingesetzt hat und diese sogar blockiert.

Nichtsdestotrotz gilt bei den Merkmalen Religion, Weltanschauung, Alter, Behinderung und sexuelle Orientierung bisher ein geringeres Schutzniveau auf europäischer Ebene als bei den Merkmalen „Rasse“ und ethnische Herkunft sowie Geschlecht. Während letzteren ein umfassender Schutz vor Diskriminierung zugesprochen wird, bezieht sich der Schutz vor Diskriminierung aufgrund der Religion oder Weltanschauung, des Alters, einer Behinderung und der sexuellen Orientierung nur auf das Arbeitsleben und nicht auf den Bereich Güter und Dienstleistungen (Bildung, Gesundheitsversorgung…). Diese Ungleichheit wollte Barroso beheben und eine kohärente und effektive EU Antidiskriminierungspolitik schaffen.

Die Petition können alle online unterzeichnen, die sich für eine umfassende Antidiskriminierungspolitik einsetzten wollen. Weitere Hintergrundinformationen finden sich auf der Seite der Initiative „Ganz Europa ohne Diskriminierung„.